Geschichte

Seit etwa 1.100 v. Chr. wurde das von Berberstämmen bewohnte Land von Phönikern kolonisiert, die später Karthago gründeten. Das Reich von Karthago hatte etwa die Ausdehnung des heutigen Tunesiens. Nach der Niederlage Karthagos Ende des 3. Punischen Krieges (146 v. Chr.) wird das heutige Tunesien Teil einer römischen Provinz (zugehörig zur Provinz Africa mit der Hauptstadt Utica). Rom fördert den Bau von Bewässerungssystemen. Tunesien wird zur Kornkammer des Römischen Reiches.

Im Laufe des 5. und 6. Jh. nach Chr. wich der römische Einfluß zuerst den Vandalen (unter Geiserich) und dann den Byzantinern unter Kaiser Justinian. Im Laufe des 7. Jh. n. Chr. begann die islamische Eroberung Tunesiens. Bei den ersten muslimischen Invasionen in Tunesien treffen die Arabern auf den größten Widerstand auf ihrem Vorstoss nach Westen. Kairouan wurde zum Zentrum des religiösen Lebens und zum Sitz einer der ältesten und berühmtesten Moscheen des Islams. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte bereicherten fünf aufeinanderfolgende Dynastien der Araber und Osmanen das islamische Erbe Tunesiens.

Im Rahmen des Kalifenreiches unterstand Tunesien als Provinz Ifrikija den Aghlabiden, den Fatimiden und den Siriden. Unter den Almohaden und Hafsiden wuchs seine politische Rolle. Mit Hilfe seiner Seemacht konnte Tunesien den Vorstoß LUDWIGS IX. DES HEILIGEN , von Frankreich abwehren (7. Kreuzzug) und zeitweise große Teile Algeriens besetzen.

Im Kampf gegen die Spanier, die 40 Jahre lang seit 1535 die Oberhoheit innehatten, und die Hafsiden eroberten die Türken 1574 endgültig das Land und ließen es durch Paschas und Beys verwalten. Die Ansiedlung von aus Spanien vertriebenen Morisken (nach 1609) brachte einen bedeutenden wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung.

Nach dreijährigem Machtkampf begründete der Janitscharenoffizier HUSAIN IBN ALI im Jahre 1705 die Beydynastie der Husainiden, die bis zur Einführung der Republik 1957 an der Spitze blieben.  

Khereddine Pascha führte ein umfassendes Reformprogramm durch und machte Tunesien zum ersten arabischen Land, das sich eine Verfassung gab und die Sklaverei abschaffte. Jedoch die wirtschaftlichen Probleme, der Machtmißbrauch der Beys und der ausländische Einfluß destabilisierten das Land. 1881 errichtete Frankreich sein Protektorat, anerkannt durch den seit 1859 regierenden Bey MOHAMMED AS-SADIK im Bardo-Vertrag vom 12.05.1881, was überall in Tunesien zu heftigen Reaktionen führte.

Nach dem Vorbild der Jungtürken bildete sich 1907 die Bewegung der "Jungtunesier", 1920 die Destur als Partei der Nationalisten. Von ihr spaltete sich, gegegründet von Habib BOURGUIBA, die radikalere Neo-Destur-Partei ab. Bourguiba wird von den Franzosen für zwei Jahre inhaftiert.

1938 lösten Unruhen die Ausrufung des Ausnahmezustandes aus und Bourguiba wurde erneut inhaftiert. Im Zweiten Weltkrieg war Tunesien von November 1942 bis Mai 1943 Kriegsschauplatz. Deutsche Truppen befreien Bourguiba, der 1943 nach Tunesien zurückkehrt und nach der Niederlage der deutschen Truppen erneut flüchtete .                                    

Neben der " Neo-Destur-Bewegung " wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg die Gewerkschaftsorganisation "Union Générale des Travailleurs de Tunisie" (UGTT) zu einem zweiten Machtfaktor der tunesischen Nationalbewegung heran. Nachdem die französische Kolonialmacht zunächst versucht hatte, die tunesischen Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken (Inhaftierung BOURGUIBAS, 1952-55), sah sie sich unter dem steigenden politischen Druck der Unabhängigkeitsbewegung zum Einlenken gezwungen. Am 25.07.1957 wird die neue Republik ausgerufen und BOURGUIBA übrnahm im Rahmen eines präsidentiellen Regierungssystems neben dem Amt des Ministerpräsidenten auch das des Präsidenten.

Die "Neo-Destur-Bewegung", sie bekennt sich zu einem Sozialismus auf islamischer Grundlage, wurde zur alleinbestimmenden Staatspartei. 1963 wurde sie in "Parti Socialiste Destourien" (PSD) umbenannt und beschloß daraufhin die Sozialisierung aller Wirtschaftsbereiche. Die Idee eines kollektiven Farmsystems mußte 1969 infolge des Widerstandes der ländlichen Bevölkerung gestoppt werden. 1975 ändert Bourguiba die Verfassung und läßt sich zum "Präsidenten auf Lebenszeit" wählen.

Die Unzufriedenheit mit der Einparteienherrschaft wurde immer größer. 1978 rufen die Gewerkschaften einen Generalstreik gegen Lohnkontrollen aus. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen. Es gab Dutzende Tote bei Straßenkämpfen. Gewerkschaftsführer wurden verhaftet.                                             

Am 07.11.1987 setzte der seit Oktober 1987 amtierende Ministerpräsident ZINE AL-ABIDE BEN ALI (geboren 1936) Präsident BOURGUIBA ab und übernahm selbst das Amt des Staatspräsidenten. Am 25.07.1988 trat eine Verfassungsreform in Kraft. Bei den Parlamentswahlen vom 02.04.1989 gewann der "Rassemblement Constitutionnel Démocratique" (RCD, seit 1988 Name des PSD) wiederum alle Sitze. Den sechs erlaubten Oppositionsparteien im Land, die weniger als 10% der Stimmen erhielten, steht gemäß Verfassung ein Fünftel der Parlamentssitze zu. Deshalb zieht sie mit 34 Abgeordneten in die mit 182 Sitzen belegte Volksversammlung ein.

Gemäß seiner Verfassung ist Tunesien eine Präsidialrepublik. Gleichzeitig wurde es (bis zum 14. Januar 2011) von zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen und Politikwissenschaftlern als autoritäres Regime bezeichnet.

Am 4. Januar 2011 starb in einem Krankenhaus in Tunis der 26jährige Mohamed Bouazizi an den Verletzungen, die er sich in der Provinzhauptstadt Sidi Bouzid bei einer Selbstverbrennung am 17. Dezember 2010 zugefügt hatte, um
gegen die Konfiszierung seines Obst- und Gemüsestandes durch die Polizei zu protestieren. Es folgten Solidaritätskundgebungen im ganzen Land. Forderungen nach Presse- und Meinungsfreiheit mischten sich mit Kritik an Korruption und Zensur. Insbesonders gegen die zahlreichen Familienmitglieder der Frau von Ben Ali, Angehörige der Familie Trabelsi, die aufgrund von politischer Einflussnahme wichtige Unternehmen in Tunesien in Besitz genommen haben.

Präsident Ben Ali reagierte auf die von der Opposition so genannte Jasminrevolution mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes. Er löste die Regierung auf und kündigte vorgezogene Neuwahlen an, bevor er, aufgrund immer
lauter werdender Proteste, am 14. Januar 2011 fluchtartig das Land verließ.

Am 23. Oktober 2011 fanden die ersten freien Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung statt. Dabei war die umstrittene islamistische Partei En-Nahda offiziell Sieger bei dieser Wahl mit 89 der 217 Sitze in der verfassungsgebenden Versammlung. Bisweilen entzweit die Partei die Gesellschaft Tunesiens hinsichtlich ihrer liberal-islamischen oder konservativ-islamistischen Ziele.